Sonntag, 6. September 2015

Lagerkoller

Unterwegs auf mehrtägiger Bergtour. Endlich ist die Hütte erreicht – doch Schlafplätze gibt es nur noch im Matratzenlager. Romantisch – wenigstens für eine Nacht. Keiner muss mehr Auto fahren, in der Stube fließt der Alkohol, das Schnarchkonzert gerät vielstimmig. Bei der Nachtruhe herrscht eher Gleitzeit, mancher sucht im Dunkel den Weg zur Toilette. Die ersten stehen in aller Frühe auf, und leider versteht man jedes Wort. Da ist viel Kaffee nötig, um selbst in Gang zu kommen. Bei aller Romantik: Zuhause stehen Toilette, Dusche und das eigene Bett, bald gibt es wieder ein Privatleben.
Und wenn nicht? Die Turnhalle in Pullach ist nach wie vor von Flüchtlingen belegt – unter Matratzenlagerbedingungen: 100 junge Männer auf engem Raum, seit mehr als einem Vierteljahr jetzt. Dass es im Lager weitgehend friedlich blieb, ist nicht ganz selbstverständlich. Einige dürfen inzwischen arbeiten und leiden nach einem 8-Stunden-Arbeitstag unter fehlender Nachtruhe. Immerhin haben sie tagsüber etwas zu tun. Andere haben sich in den Alkohol geflüchtet, manche sehen nach Erhalt des Abschiebungsbescheids nicht mehr ein, dass sie sich an irgendwelche Regeln halten sollen, und leider kommt es auch zu Diebstahlsfällen untereinander. Es ist ein ganz normaler Ausschnitt der Menschheit, der dort versammelt ist, es sind keine besseren und keine schlechteren Menschen als wir. Aber was täten wir unter diesen Bedingungen? 100 Tage Matratzenlager?

Willkommenskultur jedenfalls ist weit über den ersten Tag hinaus gefragt; zu einem realistischen Blick gehört auch der beständige Versuch, sich in die Lage seines Gegenübers zu versetzen. Soweit das geht. Denn die wenigsten im Lager können erzählen, was hinter ihnen liegt, auch nach 100 Tagen nicht.

Donnerstag, 27. August 2015

In der Fremde

Ein junger Mann macht das Wenige, was er hat, zu Geld. Damit und mit der Hilfe seiner Familie kann er Schlepper bezahlen, die ihm die Reise in ein reiches Land und in eine bessere Zukunft versprechen. Das Schiff, auf dem der junge Mann die Überfahrt wagt, ist voll mit Migranten und alles andere als seetüchtig: Es scheitert nach einer Kollision im Sturm. Unser Flüchtling wird als einziger Überlebender der Katastrophe an einer europäischen Küste angetrieben. Kinder werfen mit Steinen nach ihm, Hunde werden auf ihn gehetzt, er wird zuletzt wie ein wildes Tier eingefangen und in einen Schweinekoben gesperrt. Soll das nun das versprochene neue Land sein?
Mit der Zeit lernt er etwas von der fremden Sprache und fasst Fuß in dieser Gesellschaft. Doch er bleibt der Fremde, allein schon aufgrund seiner dunkleren Hautfarbe, seines Akzents und seines lebhaften Temperaments. Umgekehrt hört auch er nicht auf, sich zu wundern - über die fremden Sitten, über die Verschlossenheit und Herzenskälte seiner Umwelt. Immerhin findet er ein Mädchen (das im Dorf als halbe Närrin gilt), heiratet es, und sie bekommen ein Kind. Doch er bleibt der Fremde, auch für seine Frau.
Als er an einer Lungenentzündung erkrankt und im Fieber in seine Muttersprache zurückverfällt, bekommt sie panische Angst um sich und den kleinen Sohn und flieht vor ihrem todkranken Mann.
Eine kurze und erschütternde Erzählung aus dem Jahre 1901: Amy Foster - von Josef Conrad. Weitgehend unbekannt, aber von offensichtlicher Aktualität: Armut, Schlepper, die riskante Schiffsreise, ein Wirtschaftsflüchtling, in diesem Fall aus Osteuropa - und wie nimmt ihn 'unsere' Gesellschaft auf? Wie nimmt er 'unsere' Gesellschaft wahr?
Joseph Conrad war Pole, aufgewachsen in der Verbannung nach einem der gescheiterten Aufstände gegen das zarisitische Russland. Mit 18 Jahren gelangt er nach England - in das Land, wo der tragische Held seiner Geschichte scheitert. Hier beginnt später sein Weltruhm als Erzähler; 'Heart of Darkness' etwa (worauf der Film 'Apokalpse now' basiert) ist eine seiner bekanntestes Erzählungen. 'Amy Foster' steht im Schatten seiner anderen Werke, die meist in exotischeren Regionen spielen oder eben auf hoher See.Und trotzdem, trotzdem wird hier auf wenigen Seiten seine große Meisterschaft spürbar, sein Einfühlungsvermögen und nicht zuletzt etwas von seiner eigenen Geschichte. Einer Geschichte, die sich seither millionenfach wieder und wieder ereignet und erzählt hat.

Montag, 24. August 2015

Eritrea - Afrikas Nordkorea?

Ein Gastbeitrag von Anke Schlee


Einige der Flüchtlinge, die derzeit in der Turnhalle der Pullacher Mittelschule untergebracht sind, kommen aus Eritrea. Eigentlich wollte ich einen von ihnen interviewen, um auch hier einen Menschen und sein Schicksal zu zeigen, denn bei der Masse an Flüchtlingen verschwindet das Menschliche viel zu oft hinter Zahlen.
Doch ich habe keinen Eritreer gefunden, der bereit wäre, mir seine Geschichte zu erzählen. Der Grund dafür ist die nackte Angst. Angst vor der Regierung im eigenen Land, Angst vor dem eigenen Land selbst in tausenden Kilometern Entfernung hier mitten in Pullach. Die Flüchtlinge fürchten um ihr Leben, so sie denn nach Eritrea zurück müssten und heraus käme, dass sie schlecht über ihr Land sprachen, das wurde mir gesagt.
Die Eritrea-Untersuchungskommission der UNO hat Anfang Juni festgestellt, dass massive Verletzungen der Menschenrechte dort "den Tatbestand von Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfüllen könnten“. Von willkürlichen Hinrichtungen und systematischer Folter ist die Rede. Medien zitieren aus dem Bericht, dass die UN-Ermittler an alle Staaten appellieren, eritreische Asylsuchende nicht zur Rückkehr zu zwingen. Das Regime bestrafe „jeden, der versucht, das Land ohne Genehmigung zu verlassen“.
Was für Menschen leben da gerade mit uns hier im idyllischen Isartal? Was haben sie erlebt, was haben sie für Perspektiven? Ich frage mich, was ich tun kann und besinne mich auf die kleinen Schritte, die summiert auch etwas ausmachen. Ein Händedruck, ein Gespräch, ein bisschen Deutsch-Unterricht und ein bisschen „Willkommen“, das kann ich tun und das tue ich gerne. So wie viele Mitstreiter im Helferkreis Flüchtlinge & Integration Pullach, die sich engagieren. Geben ist oft schöner als Nehmen, eine gute Erfahrung bei all den Problemen in diesem Zusammenhang.

Freitag, 7. August 2015

Ein Sommer geht zu Ende

Wenn die Schatten länger werden und die Pullacher Familien aus dem Urlaub zurückkehren, wird die Turnhalle der Mittelschule wieder für den Sport zur Verfügung stehen. Viele Anwohner werden aufatmen, weil die Lärmbelästigung vorbei ist. Im „Wäldchen“ vor dem Rathaus wird es wieder freie Sitzplätze geben, ebenso auf dem Mäuerchen an der Musikschule.
Alles wird wieder so sein wie vorher. Die Gemeinde hat ihre Schuldigkeit, was die Aufnahme von Flüchtlingen anbetrifft, vorerst getan.
Und doch: Fehlt da nicht etwas? Nicht nur Norma und Lidl werden Umsatzeinbußen verspüren. Da fehlt eine besondere Lebendigkeit in Pullach. Da fehlt diese große Herausforderung an unsere Menschlichkeit. Es fehlt auch ein Stück Kultur. Wer hat nicht die Trommelgruppe aus Westafrika erlebt – beim Franzosenfest, beim Sommerfest der Mittelschule, beim Sommerkonzert der Musikschule oder auch einfach an der Isar? Oder den Triumph „unserer“ Flüchtlinge beim Baierbrunner Sommerlauf? Waren wir nicht auch ein wenig stolz, in unserem Pullach solche „Mannsbilder“ zu haben?
Afrikanische Musik und Sportlichkeit – Zeichen purer Lebensfreude?
Nein, dieser Schein trügt. Die meisten unserer Flüchtlinge sind schwer traumatisiert. Der Sport lenkt sie ab von ihren schmerzhaften Erinnerungen. Das gemeinsame Trommeln und Singen ist ein Rettungsanker, der ihnen ein wenig hilft, zu vergessen und ihre innere Not schöpferisch in Musik umzuwandeln.
Für das Konzert der Musikschule im Bürgerhaus haben sie ein Lied geschrieben, dessen Text weiter unten (Blogpost 'NICHT IM TRAUM' vom 20.7.15) wiedergegeben ist.
Liebe Pullacherinnen und Pullacher! Für viele dieser sehr jungen Männer ist der Abschied aus unserer Gemeinde und der Transfer an einen anderen Ort fatal. Bindungen sind hier gewachsen, die ihnen ein wenig Halt geben konnten und die nun fast lebensnotwendig geworden sind. Über die Entfernung werden sie sich kaum aufrechterhalten lassen.
Deshalb möchte ich Sie eindringlich bitten: Wenn Sie eine Wohnung oder ein Haus zu vermieten haben, stellen Sie es für einige dieser jungen Flüchtlinge zur Verfügung! Vielleicht steht Omas Häuschen leer und Sie wollen es noch nicht gleich verkaufen. Oder Sie haben eine ungenutzte Einliegerwohnung.
Das Landratsamt mietet auch befristet Objekte an. Es gibt ausreichend helfende Hände im Helferkreis, die die Verantwortung übernehmen für Gartenpflege, Instandhaltung und nicht zuletzt für die Einhaltung der deutschen Regeln des Zusammenlebens. Dass das gelingen könnte, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.
Der Sommer neigt sich dem Ende zu. Die Schatten werden länger. Die leere Turnhalle in der Kagerbauerstraße wird für viele einen sehr langen Schatten werfen.

Hedwig Rost   

Freitag, 31. Juli 2015

Gewinnchancen

Seit 2 Monaten sind die Pullacher Flüchtlinge in mein Leben getreten. So fühlt es sich für mich an. Ich biete meine Dienste an mit Deutschunterricht und Begleitung bei wichtigen Terminen. Darüber hinaus aber vertrauen mir mehr und mehr dieser hier gestrandeten jungen Menschen ihre Lebensgeschichte an. Das ist meistens tief erschütternd, aber gleichzeitig beglückend, weil ich mich daran freue, wie mit wachsendem Vertrauen die Traurigkeit und Verlorenheit aus vielen der Gesichter weicht. Ich kann sagen, dass mit vielen inzwischen eine tiefe Verbindung entstanden ist.
Kürzlich gelang es mir, zweien meiner besonderen „Schützlinge“ aus Westafrika einen großen Wunsch zu erfüllen: Meine 19jährige Tochter und ich nahmen sie mit aufs Land und an den Starnberger See.
Es ist einer der heißesten Tage dieses Sommers. In Holzhausen zeige ich ihnen das wundervolle Wallfahrtskirchlein und hoffe, dass der Ort für sich selbst spricht. Lange sitzen wir in dem bäuerlich naiv gestalteten Kirchenraum, genießen die Kühle und Stille und kommen ins Gespräch. Die beiden sind Muslime. Wir betrachten geflügelte Engel und eine Madonna und es gelingt mir, ein paar der dargestellten biblischen Geschichten zu erklären. Glücklicherweise kenne ich einige Berührungspunkte zwischen Koran und Bibel. Dies alles ist neu und fremd für die beiden jungen Männer, die soeben den Ramadan hinter sich gebracht haben. Sie staunen über die Darstellung Gottes als alten Mann und wir kommen ins Philosophieren. Wie kann man sich Gott vorstellen – und darf man das überhaupt? „Gott ist in allem“, sagt einer. „Ja“, denke ich, „wenn man ihn hereinlässt.“
Hoch zufrieden fahren wir an den Strand. Zum Glück ist das Wasser warm genug für die beiden Afrikaner. Während die „Jugend“ sich nun schon fröhlich im See vergnügt, komme ich, bis zu den Knien im Wasser stehend, mit einer Frau ins Gespräch, die mich fragt, ob das denn Flüchtlinge seien und mit welcher Motivation ich mich mit ihnen abgebe. „Meine Eltern waren auch Flüchtlinge“, sagt sie, „Sudetendeutsche. Deshalb hat mich dieses Thema geprägt. Aber ich finde es nicht gut, wenn nun wieder so viele traumatisierte Menschen hier ankommen. Lieber soll man dafür sorgen, dass die Meere vor der westafrikanischen Küste nicht von europäischen und kanadischen Fangflotten leer gefischt werden und dass der Klimawandel die Verwüstung in Afrika nicht fortschreiten lässt“. Wie recht sie hat! Sie beginnt, mir sehr sympathisch zu werden. „Aber bis dahin“, wende ich ein, „betrachte ich es als unsere Aufgabe als Mitverursacher der Flüchtlingsströme, die Menschen, die bei uns Zukunft suchen, aufzunehmen.“ Plötzlich verfinstert sich meine Gesprächspartnerin. „Ja, aber… Sie sind so fremd. In der Nachbarschaft meiner Eltern wohnen jetzt Flüchtlinge. Das ist unzumutbar und eine Wertminderung ihres Hauses.“ Daher weht also der Wind? Ich merke, wie ich wütend werde. „Wenn Sie so denken, möchte ich das Gespräch nicht fortsetzen“, sage ich und gehe schwimmen.
Nun mache ich mit den jungen Leuten Picknick am Strand. Wir spielen zusammen afrikanische Spiele mit Steinchen und Blättern. Was für eine Freude für alle! Meine Gesprächspartnerin lagert in der Nähe und „linst“ immer wieder zu uns herüber. Als die Sonne sich senkt, machen wir ein paar Fotos im Abendlicht. Da steht sie auf und bietet sich als Fotografin an. „Ich war sehr skeptisch am Anfang“, gesteht sie mir, „aber die beiden sind ja derartig nett! Sie haben völlig recht: Persönliche Begegnung ändert alles. Nun habe ich richtig Lust, zu helfen.“ Es stellt sich heraus, dass sie aus Grünwald kommt. Wir tauschen Adressen aus und sind seither in regem Mail-Wechsel. Sie bemüht sich, Arbeitsmöglichkeiten zu finden, wenn die Sperrfrist abgelaufen ist, und Kontakte zu ihren Freunden herzustellen.
Ich spüre deutlich: Das ist kein Mitleid mit den „armen“ Flüchtlingen, was sie antreibt, sondern Freude an der Begegnung mit diesen Menschen aus einer anderen Welt.
Alle haben an diesem Tag gewonnen: die beiden Jungs aus Afrika, meine Tochter und ich und unsere neue Freundin aus Grünwald. Plötzlich denke ich an unser Gespräch im Holzhausener Kirchlein zurück. Ja, wir haben uns gegenseitig Einlass gewährt – eine Win-Win-Situation könnte man das nennen.
Die Bundesregierung diskutiert über ein neues Einwanderungsgesetz. Justizminister Heiko Maas sagte dabei: „Flüchtlinge können ein Gewinn sein.“
Damit mag vor allem der ökonomische Aspekt gemeint sein. Ich möchte aber annehmen, dass alle Pullacherinnen und Pullacher, die sich für unsere Flüchtlinge engagieren, dies auch im Blick auf die zwischenmenschlichen Begegnungen bestätigen werden.
Was wäre alles gewonnen, würden wir diesen offenen, freundlichen und motivierten Menschen in unserem Land Einlass gewähren!

Hedwig Rost

Montag, 27. Juli 2015

IM ABSEITS (Deutschland 2015 - 94 Min.)

Vorspann: An einer S-Bahnschranke steht eine lange Autoschlange. Zug fährt durch, Schranke bleibt unten. In einem SUV ein genervtes Telefonat: 'Ich schaff den Termin nicht, wir verschieben alles auf morgen!' Zug in der Gegenrichtung, die Schranke bleibt unten. Der Fahrer sieht auf der Seite ein Fußballfeld -  Afrikaner beim Spiel. Aus einer Laune heraus wendet er den SUV, stellt das Fahrzeug auf den P&R-Parkplatz, geht an den Spielfeldrand. Eine S-Bahn fährt durch, dann der Filmtitel und die Namen der Mitwirkenden. Die Schranke bleibt unten.

Film: Der Fahrer steht am Spielfeldrand, raucht nervös und telefoniert, laut und verärgert. Der Zuschauer erfährt: Der Mann ist Spielervermittler und Talent-Scout. Das Spiel, bis jetzt eher schemenhaft, kommt jetzt wirklich ins Bild, und vor allem zwei Spieler fallen ins Auge. Ballstreichler, athletisch und mit intuitivem Zusammenspiel. Ein Tor fällt. Der Scout lässt sein Smartphone sinken und beobachtet zunehmend gebannt die beiden Spieler. Der Gesprächsteilnehmer ist noch dran, wundert sich über die lange Pause, bis der Scout sagt: 'Aber ich glaub, ich hab da was anderes, ich melde mich wieder.'
Spiel ist vorbei, der Scout geht auf die beiden zu, spricht sie an. Sprachengemisch, Übersetzungsfehler, Missverständnisse. Adresse notiert, Einladung zum Probetraining, 'Ich hole euch morgen da ab.'

Nächster Tag: Die Adresse ist eine Turnhalle, Stockbetten, Scout wird beäugt und gleich von jemandem aggressiv angegangen, weil gestern irgendwas mit dem Essen  nicht gepasst hat. Hätte seinen SUV vielleicht besser um die Ecke parken sollen. Die beiden Spieler vom Vortag kommen, steigen ein, staunen über den Wagen.
Probetraining - die beiden spielen alle einfach an die Wand. Jahrhunderttalente! Didier Drogba im Doppelpack!

Vorschau: Wie könnte es weitergehen? Leider sind die beiden aus einem sicheren Herkunftsland, also droht Abschiebung. Aber bei solchen Spitzen-Sportlern kann man doch auch mal fünfe gerade sein lassen, und der Scout hat Beziehungen ... Allerdings ziehen die Beziehungen plötzlich nicht richtig mit, das böse Wort 'Wirtschaftsflüchtlinge' fällt, und da könnte doch jeder kommen ... Der Scout beschwört für die beiden eine große Zukunft bis hin zur Nationalmannschaft, na gut: Die Duldung wird verlängert. Es folgen noch ein paar Probleme und Verwicklungen, schöne Spielszenen, etwas Sportglamour, die beiden kommen schließlich groß raus, am Ende sieht man die anderen aus dem Lager mit ihren Rollkoffern zum Bahnhof gehen, die Schranke geht runter.

Ausblick: Ja, beim Sport kann es manchmal etwas schneller gehen mit der Aufenthaltsberechtigung, der Arbeitsgenehmigung und sogar mit der Einbürgerung. Das ist gesellschaftlich akzeptiert, doch vor diesem Hintergrund wird die Unaufrichtigkeit, mit der die Flüchtlings- und Zuwanderungsdebatte häufig geführt wird, besonders deutlich. Das Ganze ist natürlich ein Märchen, aber wer kürzlich die 'Pullacher Flüchtlinge' beim Baierbrunner Sommerlauf erlebt hat (1./2./3./4./6./7./9./10.Platz über 7,5 km), dem kommen auch schon mal solche Filmszenarien in den Sinn.

Abspann:  Zwei Tage nach diesem Post wird in verschiedenen Medien über Ousman Manneh berichtet: 'Vom Flüchtlingsheim in Richtung Bundesliga' - da scheint die Wirklichkeit die Fiktion einzuholen.

Freitag, 24. Juli 2015

De lege ferenda - Von kommendem Recht

1. Ein Gedankenspiel
Wäre es vorstellbar, dass Flüchtlinge in dem Bundesland untergebracht werden müssen, wo sie erstmals deutschen Boden betreten? Den bayrischen Aufschrei möchte ich hören! Aber warum soll es dann sachgerecht sein, dass Flüchtlinge in Italien, Spanien und Griechenland bleiben sollen - dort, wo sie erstmals die EU-Grenzen überschritten haben? Das sog. Dublin-Abkommen, das diese Vereinbarung enthält, wird inzwischen ernsthaft in Frage gestellt, nicht zuletzt durch die deutsche Bundesregierung. Eine Neuregelung steht weit oben auf der europäischen Agenda, geographische Privilegien sind nicht mehr lange haltbar. - Ob das irgendwann auch für das Verhältnis zwischen Nord- und Südhalbkugel gilt? 

2. Höhere Zäune?
Natürlich wäre es wünschenswert, wenn es keine Fluchtgründe gäbe, gleich welcher Art. Natürlich wäre es sinnvoll, in den Herkunftsländern endlich wirksame Hilfsmaßnahmen einzuleiten. Aber das heißt für die wohlhabenderen Gesellschaften: Teilen, Abgeben, Verzichten. Zu befürchten ist: Dazu sind sie, sind wir erst bereit, wenn so viele Flüchtlinge kommen, dass solche Maßnahmen letztlich billiger sind als die Versorgung von Flüchtlingen hier.
So problematisch es ist, in der Politik mit Naturgesetzen zu argumentieren: Durch eine ungleiche Wohlstandsverteilung wird immer Druck aufgebaut, entsteht Spannung. Geopolitisch übrigens ebenso wie innerhalb einer Gesellsschaft.
Wer jetzt so vehement gegen die Flüchtlingsaufnahme argumentiert, muss sich fragen lassen, was für andere Maßnahmen er sich denn angesichts dieses Drucks vorstellt. Da gibt es eigentlich nur die militärische Option - höhere Zäune, stärkere Abwehr. Entwickeln wir uns zur Gated Society? Und würde sich damit der Druck verringern?

3. Kleine Fische
Jede entwicklungspolitische Strategie (Hilfe im Herkunftsland) will finanziert sein, siehe oben, und greift auch erst morgen oder übermorgen, während hier täglich neue Flüchtlinge eintreffen. Die von den Industrienationen leergefischten Gewässer vor den Küsten Somalias oder Westafrikas erholen sich nicht im Handumdrehen - sollen wir bis dahin jene Regionen mit unseren Fischkonserven ernähren? Warum sind die eigentlich so billig?

4. Entwicklungshilfe
Auf einen vielleicht interessanten Aspekt weist Thomas Bauer, Professor für empirische Wirtschaftsforschung an der RUB, in einem Interview mit der TAZ (19.6.20159 hin:  
Die Überweisungen von Migranten an ihre Familien sind für viele Entwicklungsländer von größter Bedeutung. Oft sind diese Zahlungen sogar wichtiger als die klassische Entwicklungshilfe. Es kommt natürlich darauf an, wie dieses Geld genutzt wird, ob das Geld aus Europa investiert wird, oder ob das Geld durch Konsum aufgebraucht wird. In diesem Sinn kann Migration aber auch eine Form der Entwicklungshilfe vor Ort sein.

5. Kommendes Recht? 
Quer durch die politischen Lager wird inzwischen diskutiert, ob das Asylrecht wirklich das geeignete Instrumentarium für den Umgang mit Flüchtlingen bietet. Eine Zuwanderung, das ist jetzt immer häufiger zu hören, erscheint im Blick auf  Demographie und Fachkräftemangel durchaus wünschenswert, die Bezeichnung 'Wirtschaftsflüchtlinge' kommt einem täglich ein Stück gestriger vor. 
'Wir können nicht alle aufnehmen.' - Nein, wahrscheinlich nicht, aber inzwischen geht es in der Debatte längst darum, wen genau 'wir' doch aufnehmen wollen, welche Kriterien dafür gelten sollen und wer deren Einhaltung feststellt und überprüft. Da liegt ein Wandel in der Luft. Ein neues Einwanderungsgesetz. Wäre es nicht wünschenswert, wenn er auch denen zugutekäme, die unter der jetzt noch geltenden Gesetzeslage hierhergekommen sind? Die diesen Wandel letztlich angestoßen haben?

6. Reems Tränen
Doch was vermögen Argumente gegen Gefühle? Jede Seite hält ihre Positionen wahrscheinlich für vernunftbegründet, sucht sich die dafür passenden Argumente und wirft den Gegnern Idealisierung bzw. Dämonisierung vor. Aber auf welche Seite sich jeder stellt - ob jetzt Mitmenschlichkeit, Mitgefühl und Menschenwürde den Ausschlag geben oder die Angst vor Überfremdung, vor ökonomischen Einbußen und gesellschaftlicher Instabiltät - das beruht selten auf rationalen Entscheidungen.
Veränderung geschieht wohl nur durch Begegnung, durch persönliches Kennenlernen, durch neue Erfahrung. Durch Berührung, auch durch die Tränen eines 14 jährigen Mädchens. Es kommt etwas in Bewegung, langsam zunächst und ganz individuell, gesellschaftlich dann und gesetzlich zuletzt, eines hoffentlich nicht mehr allzu fernen Tages.

Montag, 20. Juli 2015

NICHT IM TRAUM

Beim Sommerkonzert der Pullacher Musikschule hat eine Gruppe junger Flüchtlinge aus dem Senegal ein Lied, eine Art Sprechgesang vorgetragen, in dem ihre aktuellen Erfahrungen zum Ausdruck kommen. Geschrieben in Wolof von Alagie Jammeh - sei hier eine Nachdichtung versucht:

Nicht im Traum, nicht im Traum
wollen wir zurück nach Libyen,
nicht nur wir – so viele andere auch, 
niemals, niemals!

 So viele Länder im Krieg,
so viele Länder in Not,
so viele auf der Flucht.
Libyen, Syrien –
Wir beten für diese Länder,
wir beten für Frieden.
Darum dieses Lied.
Wir wollen euch sagen,
was hinter uns liegt.
Auch wenn wir hier sicher sind –
Was hinter uns liegt,
lässt uns nicht los.
Ihr Kinder aus Pullach,
ihr sollt wissen,
wie viel eure Eltern hier tun
für die Würde der Menschen,
für Achtung und Respekt.
So viele gute Leute –
Wir stehen zusammen!
Das alles zu singen fällt uns nicht leicht.
Doch wir tun was wir können,
um euch eines zu sagen,
immer wieder und wieder:
Wir sagen euch danke!

Alagie Jammeh war es auch, der beim Info-Abend zu den Pullacher Flüchtlingen (13.Juli 2015) geäußert hat: 'We are trying to be human beings again!'  Mehr dazu in einem Beitrag auf der Webseite der GRÜNEN in Pullach. Und hier wäre das Stück zu hören!

Montag, 13. Juli 2015

Welt-Wirtschaftsflüchtlinge

Es ist die heißeste Zeit des Tages, früher Nachmittag vor der Turnhalle der Hauptschule. Ich sitze mit 7 jungen Männern auf einer Bierbank. Jeder hat Stift und Papier dabei: Deutsch-Unterricht. Fast alle aus „meiner“ Gruppe sind gekommen, wie jedes Mal. Da ich auch Französisch spreche, hat es sich so ergeben, dass ich „die Franzosen“ unterrichte. Sie kommen aus Mali und dem Senegal. Es gibt ein Lehrbuch für Asylbewerber, aber ich habe mich mehr und mehr davon entfernt. Denn es ist für mich - wie auch für meine Schüler - viel interessanter, über das Gespräch und das, was uns bewegt, die Tür zur deutschen Sprache zu öffnen.
Ich staune, wie aufnahmefähig die meisten sind. Lauter wache Augen schauen mich an. Es gibt immer viele Fragen, und daraus spinne ich den Faden für den Unterricht. Alle schreiben eifrig mit.
Dieses Mal habe ich ein Arbeitsblatt vorbereitet mit Fragewörtern. Denn ich denke, es schadet nicht, wenn sie auf Fragen bei ihrer Anhörung ein wenig auf Deutsch antworten können. „Warum seid ihr nach Deutschland gekommen?“
Mit einem Mal verdunkeln sich die Mienen...

Neue Farben

Pullach hat neue Farben bekommen. Man findet sie überall: auf Parkbänken, auf der Straße, auf dem Fußballplatz, an der Isar und zuletzt auch auf der Sonnwendfeier.
100 Flüchtlinge aus 13 Nationen leben seit Pfingsten im Herzen unserer gepflegten, wohl situierten Gemeinde.
Ein ungewohntes Bild ist das. Gewöhnungsbedürftig.
Meinen Mann und mich trieb vor etwa 3 Wochen die Neugierde: Was sind das für Menschen? Können wir uns dorthin wagen? Halten wir so viel Fremdheit aus?
Wir haben uns getraut – und ...

Sonntag, 17. August 2014

Asylbewerber und Flüchtlinge auch in unserer Gemeinde

Ein Gastbeitrag von Johannes Schuster 
Die sog. „Flüchtlingswelle“ erreicht in Form eines kleinen Rinnsales inzwischen auch unsere Gemeinde. Laut Prognose des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge reden wir im Landkreis München von insgesamt 1.223 Menschen, davon entfallen auf Pullach nur 28. Das sind 0,32 % unserer Einwohner. Trotzdem gibt es Ängste und Diskussionen, die auf unzureichende Information zurückzuführen sind. Dabei werden wir mit zwei Themenkomplexen konfrontiert.

Samstag, 12. April 2014

Der Augenblick des Fensters

Unterwegs in London. Unser Flieger geht erst mittags – so bleibt in der Frühe noch etwas Zeit für einen kleinen Rundgang durch die Innenstadt. Wir kommen zum Trafalgar Square und besuchen ‚St. Martin in the Fields’, eine Kirche, deren Namen den meisten Kennern klassischer Musik bekannt sein wird. Das große Ostfenster bannt unseren Blick, und ohne in einem Führer nachgelesen zu haben fließen die Assoziationen: aufgebogene Gitterstäbe, Flucht – ER ist nicht mehr hier, aber vielleicht dort, im Freien, wir schauen ihm nach, ER ruft uns hinaus …
Hat die persische Künstlerin Shirazeh Houshiary bei der Gestaltung des Fensters an so etwas gedacht? An Befreiungstheologie? Zielt nicht alle wohlverstandene Theologie auf Befreiung? Und lässt sich ein Tod am Kreuz als Befreiung sehen?
Die Kirche ist still, in einigen Bänken sitzen Obdachlose – schlafend. Oder sie unterhalten sich leise. Erst sind wir irritiert. Aber wir sehen: Sie sind geduldet, ja – willkommen! Natürlich – St. Martin! Unsere Gedanken treten schon den Heimflug an, wir denken an Kirchenfenster und daran, wie schwer es war, einen Standort für den Isartaler Tisch  zu finden – bitte möglichst außer Sichtweite!
We deal with life as it is, rather than as we might want it to be – uns geht es mehr um das Leben, so wie es ist – und weniger, wie wir es gern hätten. So heißt es dort in einer Erklärung der Gemeinde. Beseelt treten wir den Heimflug an.
*

Dienstag, 1. April 2014

Das 2.Gebot

Unterwegs in London. Am Südufer der Themse, den Southbanks, weht ein kalter Wind. In einem umgestalteten Industriegebäude ist eine Ausstellung über die LRA angekündigt, die Lord’s Resistance Army, die in Uganda 19 Jahre lang einen blutigen Bürgerkrieg führte und auch heute noch in den Nachbarstaaten operiert. Immerhin gibt es gegen Joseph Kony, den Anführer, inzwischen einen internationalen Haftbefehl.
Fürchterliche Bilder sind da zu sehen, grauenvolle Berichte zu lesen, Kindersoldaten, Folter, Verstümmelung, Mord. WelcherLORD’ musste dafür seinen Namen hergeben, musste die maßlosen Verbrechen zulassen, die hier in seinem Namen begangen wurden und immer noch werden? Das Wort 'War-Lord' kommt uns in den Sinn. Und immer wieder die alte Frage: Wieso lässt Gott das zu? Fast hilflos klingt da das 2. Gebot.
Christian Aid  heißt die Initiative, die hinter dieser Ausstellung steht, die sich für die Wiedereingliederung der Kindersoldaten engagiert, für die Heilung der Traumatisierten, für die Versorgung der zutiefst Verletzten. Fröstelnd verlassen wir die Räume, und draußen am windigen Flussufer ist uns jetzt fast wärmer als eben noch in der Ausstellung.
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